Schwere Folgen zu früher Trennung

Expertin: Krippen sind kein Allheilmittel


(ANTJE BERG – Südwestpresse, 26. Februar 2013)   So schnell wie der Krippenausbau vor­an­schrei­tet, kann qualifiziertes Personal nicht nachwachsen, sagt Ann Kathrin Scheerer. Die Psy­cho­ana­ly­ti­ker­in warnt vor einer zu frühen Betreuung außer Haus.


Eine Studie des Familienministeriums wirft die Frage auf, ob Krippenplätze in den nächsten Jahren nicht noch weiter massiv ausgebaut werden sollten. Was denken Sie, wenn Sie das hören?

ANN KATHRIN SCHEERER: Mich beschleicht immer öfter das Gefühl, dass hier ein stetig wachsendes Angebot auch die Nachfrage stimulieren soll – und das vor allem aus ar­beits­markt­po­li­ti­schen und wirtschaftlichen Gründen.

Aber Sie werden nicht bestreiten, dass wir Krippenplätze für Mütter brauchen, die berufstätig sein müssen oder wollen.

SCHEERER: Nein, natürlich nicht. Ich bin auch keine prinzipielle Gegnerin von Krip­pen­be­treu­ung. Inzwischen allerdings sehe ich die,Gefahr, dass der Druck auf die Mütter zunimmt, möglichst dieses eine Modell zu leben. Das ist politisch gewollt und weit weg von echter Wahlfreiheit. Die Krippe gilt als Allheilmittel für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das man nicht mehr anzweifeln darf.

Sie haben Zweifel?

SCHEERER: Meine Sorge ist, dass qualifiziertes Personal gar nicht so schnell nachwachsen kann, wie man neue Plätze schafft. In der Debatte um diese Betreuungsart wird nach der Qua­lität nur am Rande gefragt. Das ist sehr bedenklich.

Warum?

SCHEERER: Es wird eine sehr rationale Diskussion geführt. Man fragt zu wenig nach den Bedürfnissen der Kinder, nach der emotionalen Sicherheit, die sie in den ersten Monaten und Jahren finden müssen. Müttern und Vätern wiederum wird eingeredet, sie sollten keinen Schmerz empfinden, wenn sie ihre Kinder in der Krippe abgeben, weil sie ihnen damit – angeblich – nur Gutes tun. Früher hatte die Rabenmutter die schlechte Presse, heute ist es die vermeintliche Glucke.

Reden wir uns die Krippen schön?

SCHEERER: Ja, eindeutig. Man sagt uns: Kinder müssen unter Kindern sein. Das gilt aber nicht für ein einjähriges oder noch jüngeres Kind. Dass Kinder mit Kindern spielen, beginnt erst im dritten Lebensjahr. Vorher sind sie Konkurrenten um die Aufmerksamkeit von Mutter oder Erzieherin. Kleine Kinder brauchen ungeteilte Aufmerksamkeit, Erzieherinnen müssen die ganze Gruppe im Blick haben.

Unter Ihren Patienten finden sich auch ehemalige Krippenkinder. Was kann eine zu frühe Fremdbetreuung im schlechtesten Fall anrichten?

SCHEERER: Am Anfang mögen die Kinder „nur” unruhig schlafen, zu wenig essen, nervös, aggressiv oder unkonzentriert sein. Die schweren Folgen zu früher Trennung werden erst viel später sichtbar, kleine Kinder passen sich schnell allem an, was ihnen abverlangt wird. Je früher das Kind in die Krippe kommt, je länger es dort ist, desto mehr wird seine psychische Entwicklung bedroht. Seine frühe Bindung zu den Eltern, also seine emotionale Sicherheit, kann Risse bekommen.

Mit welchen Folgen?

SCHEERER: Da so kleine Kinder noch kein sicheres Zeitgefühl haben, nistet sich Misstrauen ein – ein Gefühl von ewigem Unglück. Später zeigen sich Schwierigkeiten, allein zu sein, große Trennungs- und Verlustängste, eine Neigung zu Depressionen.

Haben wir gute Krippen?

SCHEERER: Es gibt sicher einige gute Krippen und viele engagierte Erzieherinnen. Aber im Schnitt sind unsere Krippen schlecht. Die Gruppen sind zu groß. Auch eine sehr einfühlsame Erzieherin kann nicht sechs oder sieben Kleinkinder gut betreuen, was sie oft genug tun muss. In einer guten Krippe haben Erzieherinnen reichlich Zeit, auch für eine enge Eltern–Zu­sam­men­ar­beit. Ich glaube, viele Eltern spüren das sehr genau – und haben auch ein schlechtes Gewissen.

Was raten Sie?

SCHEERER: Eltern müssen ihr Kind und sich selbst gut beobachten: Geht es dem Kind wirklich gut, wenn es tagsüber nicht zu Hause ist? Wie fühlt man sich selbst, wenn man sein Kind in fremde Obhut gibt? Es ist ja kein Zufall, dass die bevorzugte Betreuungsart trotz Krippenpolitik immer noch die innerfamiliäre, also die großelterliche oder partnerschaftliche ist. Es geht eben um Liebe. Es ist ein großer Irrglaube zu meinen, Beruf und Familie seien von Anfang an vereinbar. Sie sind es nicht, zumindest nicht, wenn Kinder noch so klein sind.


Info Ann Kathrin Scheerer leitet den Arbeitskreis „Außerfamiliäre Betreuung in der frühen Kindheit” in der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung. Sie ist Psychoanalytikerin mit eigener Praxis in Hamburg.


Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Schwere Folgen zu früher Trennung

  1. Johannes Foege sagt:

    Endlich wird die für die 68er-Generation typische Frage nach den Interessen der Beteiligten gestellt. Die sich modern vorkommenden SPD-Frauen haben sich voll vor den Karren der Wirtschaft spannen lassen. Sie verwechseln Wirtschaftspolitik mit Gesellschafts- insbesondere Familienpolitik. Nach unserer Erfahrung mit 4 Kindern und 2 Enkelindern und einer 36 jährigne Praxis als Anwälte mit Schwerpunkt Familienrecht, können wir die Bedenken der Psychologen nur bestätigen. Engagement für die Familie bedeutet eben eine zeitliche und damit auch finanzielle Verlagerung der Interessen. Dann macht man/frau eben keinen oder weniger und vorallem anderen Urlaub mit und wegen der Kinder als die Flugreisenden mit Kinderkrippen-Kindern. Wichtig wäre die aktuelle wirtschaftliche und rentenmässige Absicherung der erziehenden Eltern durch Kindergeld und Versicherungszeiten während der Betreuung unter Verzicht auf Erwerbsarbeit.

  2. E-Rudolf Barth sagt:

    Jeder halbwegs verantwortungsvolle Psychologe und auch Erzieher weiß, dass eine Krippenerziehung vor dem dritten Lebensjahr, nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, sinnvoll ist. Aber durchgeknallte Medien stigmatisieren die Powerfrau mit Kind und Karriere zum Familienbild der Zukunft. Das Ergebnis sind gestörte Kinder, denen jegliche menschliche Regung fehlt, weil sie kaum familiäre Zuneigung erfahren haben. Warum werden die extrem zunehmenden, gewalttätigen Aggressionen immer mit dem Verweis auf Einzelfälle verharmlost? Ich erlebe von Tag zu Tag mehr physisch und psychisch verwahrloste Kinder. Selbst die Jugendbetreuung ist inzwischen völlig über­for­dert. Dementgegen faseln Hochintelligenzler der Medienbranche noch immer über die Glücksgefühle einer Powerfrau mit Kind und Karriere. Gelebtes Stuttgart 21 in der Erziehung!
    Ach noch etwas, in ähnlicher Art wurde schon einmal frühkindliche Erziehung praktiziert! Das Ergebnis dürfte eigentlich bekannt sein!

  3. bueker marlies sagt:

    Ich kann die Kommentare von Frau Scheerer nur bestätigen. Wenn man für’s Kind zu Hause bleibt hat man einen persönlichen hohen Gewinn. Ich wollte ursprünglich meinen Sohn nach 8 Wochen bei einer Tagesmutter ganztägig betreuen lassen, um meinen Job nicht zu verlieren. Als mein Sohn dann geboren war, bin ich mir nur noch ver­ant­wor­tungs­los und egoistisch vogekommen, dieses kleine Würmchen sich selbst zu über­las­sen. Also bin ich zu Hause geblieben und erst nach 9 Jahren in meinem “alten” Job wieder angefangen. Wenn die Unternehmer sagen man fängt dann wieder ganz von vorne an, so stimmt das auch nicht. Innerhalb von 2 Wochen war das ganze Wissen wieder parat. Computerwissen muss sowie ständig erneuert werden. Für Kinder ist dieser Weg auf jeden Fall der bessere. Die eigenen Kinder in den ersten drei Jahren selbst zu betreuen gibt dem Kind viel aber der Mutter noch mehr.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>