Die Praxisgebühr ist sinnlos und unsozial

(Von Dr.med. Wolfgang Gaehr – SPD-Mehr-Demokratie-wagen) Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, dass die Praxisgebühr nicht zu der erhofften Kostendämpfung geführt, aber die soziale Diskriminierung einkommensschwacher Bevölkerungskreise verschärft hat.
Eine im Sinne der Versicherten vernünftige und sozial faire Gesundheitsreform ist zwar überfällig. Doch dazu wäre ein weitreichendes Umdenken sowohl bei den Regierenden als auch bei den Akteuren im Gesundheitswesen nötig.

Seit dem Jahr 2005 liegen die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherungen durch die Praxisgebühr im Schnitt bei circa zwei Milliarden Euro pro Jahr. Allerdings schlägt der dazu nötige Verwaltungsaufwand mit 360 Millionen Euro zu Buche und belastet vor allem die Arztpraxen. Da sich immer mehr Patienten vor der Praxisgebühr drücken wollen, summieren sich die Kosten für Mahnverfahren inzwischen auf zusätzliche 8 Millionen Euro im Jahr.
Mit Einführung einer Praxisgebühr wollte man die Versicherten von unnötigen Arztbesuchen abhalten. Doch die erhoffte Dämpfungswirkung blieb aus. Wie eine aktuelle Studie der Barmer-GEK zeigt, ist seit Einführung der Praxisgebühr die Zahl der jährlichen Arztbesuche pro Versicherten von durchschnittlich 16,4 auf weltmeisterliche 18,2 gestiegen. Im internationalen Vergleich haben die Deutschen bei der Häufigkeit von Arztbesuchen ihre Nasen mit großem Abstand ganz weit vorne.
Vermutlich betrachten viele Versicherte die Praxisgebühr als eine Art Quartalsflatrate und nehmen nach deren Entrichtung anschließend zügig und häufig Ärzte in Anspruch. Mehr Arztbesuche bedeuten aber auch mehr Verordnungen, denn bei jedem zweiten Besuch nimmt der Patient ein Rezept mit.
In der Tat leisten wir uns eines der weltweit teuersten Gesundheitssysteme. Doch bei den gesundheitsrelevanten Daten nimmt Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern nur eine mittlere Position ein. Dass beispielsweise die Skandinavier im Durchschnitt nur 4 mal pro Jahr zum Arzt gehen und dabei nicht weniger gesund sind, könnte zum Umdenken Anlass geben.
Laut einer von der schwarz-gelben Bundesregierung in Auftrag gegebenen Untersuchung liegt die einzig erkennbare Steuerungswirkung der Praxisgebühr darin, dass vor allem einkommensschwache Patienten Arztbesuche vermeiden oder verschieben. Es sei nicht auszuschließen, dass dadurch Krankheiten zu spät entdeckt und behandelt werden und letztlich sogar Mehrkosten entstehen.
Fest steht also, dass Strafzahlungen in Form einer Praxisgebühr weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll sind, zumal den damit erzielten Einnahmen eine immens aufwändige und teure Bürokratie gegenüber steht. Dass die Bundesregierung nun über den Sinn der Praxisgebühr nachdenkt, ist erst einmal zu begrüßen. Doch erste Überlegungen gehen dahin, künftig jeden Arztbesuch mit einer Gebühr von beispielsweise fünf Euro zu versehen. Um das einzig Positive des Vorschlags gleich vorwegzunehmen: Die Krankenkassen kämen weiter an ihr Geld. Ansonsten darf man annehmen, dass sich die diskriminierenden Auswirkungen für einkommensschwache Bevölkerungskreise eher noch verschlimmern würden.
Doch auch ohne Praxisgebühr ist die finanzielle Ausstattung unseres Gesundheitssystems für eine qualitativ hochwertige Versorgung völlig ausreichend. Um das viele Geld besser und effektiver einzusetzen, bräuchten wir stattdessen eine andere Systematik für die Honorierung unserer Ärzte. An die Stelle von Anreizen für die Erbringung unnötiger Leistungen sollte das Honorarsystem die Ärzte dafür belohnen, dass sie mit ihren Patienten reden, dass sie sich Zeit nehmen und dass sie ihre Patienten gesund erhalten.
Aber auch für die Versicherten setzt unser Gesundheitssystem die falschen Anreize. Gesunde Lebensführung (und damit eben weniger Arztbesuche) wird nicht belohnt. Ein Umdenken kommt nur sehr langsam in Gang, etwa wenn Krankenkassen in Pilotprojekten die Raucherentwöhnung unterstützen oder den Versicherten die Praxisgebühr erlassen, wenn sie sich für mehr Bewegung entscheiden.
Auch für die Kassen rechnet sich seit Einführung des Gesundheitsfonds 2009 ein gesunder Versicherter nicht. Durch den krankheitsorientierten Risikostrukturausgleich sind jene Kassen mit den meisten kranken Versicherten im Vorteil. Vor allem chronisch Kranke lohnen sich für die Kassen mehr als Gesunde, die keinen Arzt brauchen.
Deutschland hat im internationalen Vergleich mit die höchsten Arzneimittelpreise. Bei über 8000 zugelassenen Medikamenten können selbst Fachleutekaum den Überblick behalten. Längst überfällig wäre deshalb eine sogenannte Positivliste, die nur Medikamente mit einen nachgewiesenen therapeutischen Nutzen enthält. Diese Liste würde den Ärzten bei einer sinnvollen, qualitativ hochwertigen und somit auch wirtschaftlichen Verordnung von Arzneimitteln helfen. Obwohl ein von unabhängigen Wissenschaftlern erstellter Entwurf bereits seit Jahren vorliegt, hat die allmächtige Pharmalobby bisher erfolgreich verhindert, dass diese Liste vom Bundeskabinett beschlossen und vom Bundesrat abgesegnet wird.
Für neuartige Medikamente müsste vor jeder erstmaligen Zulassung eine objektive Nutzenbewertung durchgeführt werden. Die Arzneimittelhersteller müssten dazu aussagefähige Studien durchführen und diese vollständig offenlegen. Nur bei einem messbaren Zusatznutzen gegenüber bereits verfügbaren Arzneimitteln dürfte ein neues Präparat zu einem angemessenen Mehrpreis vermarktet und zu Lasten der Krankenkassen verordnet werden. Für eine zeitnahe und kompetente Nutzenbewertung müssten Einrichtungen wie beispielsweise das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in ihrer Unabhängigkeit gestärkt und personell wie materiell entsprechend ausgestattet werden.
Ein vergleichbares Zulassungsverfahren wäre auch für alle Medizinprodukte dringend zu fordern, wie die Beispiele mangelhafter Gelenkprothesen und Silikonimplantate gezeigt haben.
Eine kostenneutrale und höchst effektive Gesundheitsmaßnahme könnte darin liegen, dass wir uns auf die lebensverlängernde Wirkung von Gelassenheit, sozialer Geborgenheit und genussvoller Lebensweise besinnen. Denn frei nach Dr. Werner Bartens, dem Arzt und Medizinautor der Süddeutschen Zeitung, ist es für gesunde Menschen gar nicht nötig, eine Diät nach der anderen zu beginnen oder mehrmals jährlich eine Fastenkur anzutreten oder den Alkohol komplett zu vermeiden oder gar mehrmals in der Woche zu einem Halbmarathon aufzubrechen. Zwar könnte man statistisch gesehen mit Sport das Leben verlängern – aber die gewonnene Lebenszeit ginge für das Training drauf. Mit Werner Bartens könnten wir schließlich zu der Erkenntnis gelangen, dass das Leben keine Problemzone ist und wer ständig vorbeugt, sich nie zurücklehnen kann.

Weiterführende Links
blog.netdoktor.de/arzterennen-deutsche-weltmeister
www.sueddeutsche.de/geld/praxisgebuehr-fuer-arztbesuche-grandios-gescheitert-1.1232231
www.daserste.de/plusminus/beitrag_dyn~uid,hghzkhuxv8mid9e0~cm.asp
www.aerzteblatt.de/nachrichten/49338
dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/086/1708646.pdf

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Eine Antwort auf Die Praxisgebühr ist sinnlos und unsozial

  1. edith zeller sagt:

    ich bin ganz dieser meinung!
    vor allem die praxisgebühr müsste unbedingt abgeschafft werden, es gehört jetzt ein bisschen mut dazu, einzugestehen, dass dies der falsche weg war, ganz bes. da die FDP die abschaffung verlangt!
    ich halte es außerdem für ein drama, dass sich die ärzte keine zeit mehr nehmen können, um auf den patienten einzugehen. viele pat. erhoffen sich nämlich auch die sonst im leben fehlende aufmerksamkeit. bekommen sie diese nicht, steuern sie den nächsten arzt an oder sie kommen nächste woche wieder.
    eine große zahl der arztbesuche sind auch sog. vorsorgen, will man diese alle abarbeiten, sind schon zu viele arztbesuche einzuplanen!

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