Wir denken, wir wissen alles,
und am Ende haben wir nichts verstanden

Esers Medienschelte
Vortrag des früheren Redaktionsleiters des ZDF-”heute-journals” in Reutlingen.

(MATTHIAS REICHERT – Schwäbisches Tagblatt Tübingen, 12.4. 2013)    Eingängige Themen werden in den Medien hochgejazzt, komplexe politische und gesellschaftliche Fragen scheuen die Journalisten. Sagt Bundespräsident Joachim Gauck. Und Ruprecht Eser stimmt ihm zu. Der frühere Moderator und Redaktionsleiter des ZDF-„Heute-Journals” beobachtet eine Trivialisierung und Boulevardisierung, angeführt von der „Bild-Zeitung” und den elektronischen Medien. “Da wird personalisiert und skandalisiert, was das Zeug hält.”

Eser sprach am Mittwochabend im Studium Generale der Reutlinger Hochschulen vor 150 Zuhörern auf dem Hohbuch über “Die aufgeregte Republik”. Ob Plagiatsaffären, Wulffs angebliche Vorteilsannahme, Steinbrücks Honorare oder Brüderles sexistische Äußerungen: “Alles leicht verdaulich und konsumierbar.” Solche Themen würden in den Medien behandelt, nicht aber Kritisches wie die Lage in Europa, die Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern oder die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich.

Mit dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung Kurt Kister konstatierte der 70-jährige Journalist, das sei “der Ausstieg aus der demokratischen Streitkultur”. Ein Zitat von Neil Postman abwandelnd, sagte der langjährige Londoner ZDF-Auslandskorrespondent und zeitweise ZDF-Chefreporter: “Wir quatschen uns zu Tode.” Das führe zu einem “Ansehensverlust, der auch dem Journalismus schadet”. Politik werde zum “Bestandteil einer Unterhaltungsindustrie”. In Talkshows sieht Eser politische Debatten nur noch simuliert. “Brauchen wir wirklich fünf Talksendungen in der ARD?” Mit Breaking News und Videoclips entstehe “Atemlosigkeit – wir denken, wir wissen alles, und am Ende haben wir nichts verstanden.”

Wachsende Schnelligkeit gehe einher mit Verflachung und zunehmender Hysterie. Bei der BBC in London lernte Eser einst, ein “gesundes Maß an Distanz” zu wahren. “Heute haben wir immer mehr eine Inszenierung, in der alle in einem Boot sind.” Zunehmend banale Meldungen führten zu einem Vertrauensverlust vor allem gegenüber elektronischen Medien. So entstehe eine regelrechte, “Misstrauenskultur, unter der Medien und Politiker leiden”. Nicht umsonst seien Politiker und Journalisten die unbeliebtesten Berufsgruppen. Nichts sei so schwer, wie verloren gegangenes Vertrauen wiederzugewinnen.

Jeden Tag werde eine neue Sau durchs mediale Dorf getrieben, Kontexte und Nachfragen würden immer unwichtiger. „Shitstorms” und (un)soziale Medien dienen laut Eser als “Brandbeschleuniger” und tragen zur Trivialisierung bei. Hinter dem Nachrichtenfieber sieht er den Quotendruck. „Alles wird öffentlich, nichts bleibt privat. Die Nutzer zahlen nicht mit Geld, sondern mit der Datenspur ihres Lebens.” Das erzeuge ein Scheingefühl von Teilhabe, Probleme schienen auf Anhieb lösbar. Die mediale Inszenierung werde, sagt Eser, “ein breiter, flacher Strom ohne Tiefe”.

Was soll geschehen? Weniger Tamtam, weniger Rudel- und Eventjournalismus, weniger Trash und Talk. “Weniger wäre oft mehr.” Die Journalisten sollten Themen über den Tag hinaus behandeln, ihre Sujets reflektieren. Eser fordert “ein Stück Entschleunigung”. Statt Talk sollten wieder ernsthafte Dokumentationen in der Primetime einziehen. „Wenn das erst um Mitternacht läuft, hat das trotzdem viel Geld gekostet, und keiner sieht es.” Er verlangt mehr Recherche und mehr Glaubwürdigkeit. Ob früher alles besser war, fragten die Studierenden. „Manchmal denke ich das tatsächlich”, sagte Eser. „Wir hatten noch Zeit zu streiten und zu recherchieren.”

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>